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Serie: Lebensfragen - Lebenshilfe

30.08.2012

Ungelebtes Leben – Partnerschaft in der Krise

In Joh 10,10 können wir lesen: "Ich will, dass ihr das Leben in Fülle habt". Diese Botschaft Jesu richtet sich auch an jene Menschen, die in einer Partnerschaft leben. Nicht selten kommt es aber im Laufe des Zusammenlebens vor, dass die Lebenskraft eines Paares, die in der Phase der Verliebtheit in Fülle vorhanden war, im Laufe der Jahre abnimmt. Im ungünstigsten Fall kann eine solche Entwicklung dazu führen, dass – wie Pater Alfred Delp dies bei einem ihm bekannten Paar einmal beobachtete – das Zusammenleben des Paares zu einem "noblen Grab" wird.

Die Gründe für das Verschwinden des gelebten Lebens können verschieden sein: Manchmal nimmt das Paar-Leben nach der Geburt eines Kindes ab oder es wird durch eine hohe Beanspruchung im beruflichen oder privaten Bereich (Hausbau etc.) beeinträchtigt. Auch eine wenig lebensfördernde Umgebung (Konflikte mit der Herkunftsfamilie etc.) kann zum Entweichen der Paar-Lebenskraft führen.

Das Abnehmen des Lebens in Fülle und das Zunehmen des sogenannten ungelebten Lebens kann sich im Alltag einer Partnerschaft auf verschiedene Weise auswirken: Die Leichtigkeit des Zusammenlebens verschwindet. Unzufriedenheit, Gereiztheit und gesundheitliche Probleme (Schlafstörungen etc.) werden zum Dauerzustand. Neben unterschiedlichen Formen individueller und gemeinsamer Fluchtversuche aus dem unbefriedigenden Zustand mittels Ersatzbefriedigungsmittel (Kaufrausch, exzessives Reisen, übermäßiger Alkoholkonsum etc.) scheint für viele leider die Trennung der einzige Ausweg zu sein.

Leben in Fülle

Eine massive Krise im Paarleben kann aber auch eine wichtige Funktion haben. Erkenntnisse aus der Paarforschung zeigen uns, dass zum Beispiel eine Untreue-Krise dazu führen kann, dass durch sie ein Paar auf sein eigenes ungelebtes Leben aufmerksam wird und sich auf den Weg macht, die vernachlässigten Seiten der Beziehung wieder zu verlebendigen.

Nach Ansicht des Paartherapeuten Hans Jellouschek kann sogar eine plötzlich auftretende chronische Erkrankung dazu führen, dass beide Partner im Zusammenleben ganz neue Seiten entwickeln. Der bisher überwiegend nehmende Mann entdeckt durch die Erkrankung seiner Frau seine Fürsorglichkeit und lernt zu geben, und sie, die früher für alles verantwortlich war, lernt loszulassen und zu nehmen. Auf diese Weise kann diese Veränderung zu einer ganz neuen Paar-Begegnung führen.

Auf welche Dinge müssen nun Paare achten, damit das Leben in Fülle in ihrer Beziehung erhalten bleibt und die Dynamik des ungelebten Lebens nicht überhand nimmt. Meiner Ansicht nach müssen sie aufpassen, dass sie die auf sie zukommenden Entwicklungsaufgaben in drei Bereichen annehmen und gut bewältigen.

Erstens: Jede Frau und jeder Mann in einer Partnerschaft sollte mit Gottes Hilfe selbst die Sorge für das Gelingen ihres/seines eigenen Lebens in die Hand nehmen und ihre/seine Talente im Beruf und in der Freizeit, zum Beispiel in Form von Hobbies, entfalten.

Zweitens: Eine Partnerschaft verändert sich im Laufe der Jahre und sollte mit Hilfe einer guten Kommunikation sorgsam gehegt und gepflegt werden.

Drittens: Die wunderschöne und herausfordernde Aufgabe der Kindererziehung bringt für beide Partner die Aufgabe mit sich, die Mutter- und Vaterrolle verantwortungsbewusst zu übernehmen und vital zu leben.

Wenn es gelingt, diese Entwicklungsaufgaben in den genannten Bereichen in einer Partnerschaft auch durch Krisen hindurch bewusst und im rechten Maß zu bewältigen, ist dies eine sehr gute Voraussetzung für eine solide, freudvolle und spannende Partnerschaft.

Hat nun ein Paar die Absicht, seinen Weg vom erkannten ungelebten Leben weg und hin zu mehr Leben in Fülle zu gehen, kann es durchaus sinnvoll sein, eine Beraterin oder einen Berater einer Psychologischen Beratungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebensfragen in diesen Suchprozess einzubeziehen.

In einer solchen Beratung können u. a. folgende Fragen angesprochen und bearbeitet werden: Warum hat Frau M. Angst vor dem gelebten Leben in ihrer Partnerschaft? Weiß Herr B. eigentlich, was gelebtes Leben für ihn selbst bedeutet bzw. was seine Frau darunter versteht? Wie kann Frau C. die tiefe Trauer über die 15 Jahre ungelebtes Leben mit ihrem Mann bewältigen, in denen sich dieser nur mit dem Erfolg seines Sportvereins beschäftigte? Das Leben in Fülle ist kein Zustand. Es ist vielmehr ein Weg, der beständig und bedächtig, beharrlich und ohne Hetze gegangen sein will: Ein Lebensweg

Dr. Gerhard Nechwatal, Kirchenzeitung vom 2. September 2012

Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 20 vom 16. Mai

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