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Serie: Lebensfragen - Lebenshilfe

04.12.2012

Reaktanz – Bedrängnis führt zu Rückzug

Ging es Ihnen nicht auch schon einmal so, dass Sie Ihr Interesse am Kauf eines Produktes aufgrund einer überaus penetranten Werbung oder wegen der aufdringlichen Art eines Verkäufers ganz und gar verloren haben?

Psychologen bezeichnen dieses Erleben und Verhalten einer Person, der sprichwörtlich "zu nah auf den Pelz gerückt wird", als Reaktanz und empfehlen beispielsweise den politischen Parteien bei ihrem Ringen um die Wählergunst besonders auf ein für den Bürger verträgliches Maß an Einflussnahme zu achten.

In einer Partnerschaft gibt es ebenfalls viele Möglichkeiten, einen Reaktanz-Widerstand beim Gegenüber auszulösen. Wird beispielsweise vom Partner erwartet, dass er sich grundlegend ändert, ist die Wahrscheinlichkeit für eine reaktante Reaktion bei ihm besonders hoch und kann dazu führen, dass der Beeinflussungsversuch nach dem "Bumerangeffekt" die gegenteilige Wirkung erzielt.

Generell kann man sagen, dass beim Zusammenleben eines Paares eine Reaktanzreaktion begünstigt wird, wenn die bedrängende Person die Bedürfnisse der anderen nicht ernst nimmt ("Ich habe entschieden, dass ..."), sie schulmeisterlich belehren will ("Du verstehst das nicht"), zu druckvoll und direktiv vorgeht  ("Du musst ..."), einen ungünstigen Zeitpunkt für seinen Beeinflussungsversuch wählt, diesen zu lange ausdehnt oder wenn sie unecht (zum Beispiel als überfreundlich) wahrgenommen wird.

Förderlich für die Entwicklung von Reaktanz in der partnerschaftlichen Kommunikation können auch brisante Umstände sein. So kommt es nicht selten vor, dass ein Partner, dessen Vertrauen in den anderen durch ein bestimmtes Ereignis schwer erschüttert wurde, diesem im Gespräch in gewisser Weise "die Pistole auf die Brust setzt" ("Du sagst mir jetzt sofort, mit wem du telefoniert hast!") und so bei ihm leicht eine reaktante Trotzreaktion auslösen kann. Die Reaktionsarten derart bedrängter Personen können sehr unterschiedlich sein. Neben einer offenen Opposition ("Jetzt fängst du schon wieder an") kann sich das inneres Widerstandserleben auch in Schweigen oder Rückzug zeigen.

Da Reaktanz in unterschiedlicher Weise in jeder Partnerschaft eine Rolle spielt, ist es sinnvoll, dieses Geschehen als Chance für die Entwicklung der sozialen Kompetenz beider Partner und der Beziehung zu sehen. Der Bedrängende kann lernen, für eine künftige Reaktanzvermeidung die Grenzen des anderen besser wahrzunehmen, diese mehr zu respektieren und seinen Beeinflussungsversuch zu einem angemessenen Zeitpunkt zu stoppen.

Taktvoller Umgang

Um beim Partner statt einer Reaktanz- eine Akzeptanzreaktion zu erreichen, empfiehlt es sich, auf folgende Punkte zu achten: Im Zusammenleben sollten sich beide Partner die Freiheit zugestehen, sich für oder gegen etwas entscheiden zu können (zum Beispiel bei der Planung des Urlaubs). Sie sollten einander die notwendige Zeit in der Entscheidungsfindung geben. Da die Sprache – nach dem Motto "Der Ton macht die Musik" – auch im partnerschaftlichen Umgang eine wichtige Rolle spielt, sollte man im Gespräch Formulierungen vermeiden, die auf den anderen Druck ausüben, ihm keine Wahl lassen oder ihn beschämen.

Der Partner, der auf eine Bedrängung mit Reaktanz reagiert, kann aus seiner Widerstandsreaktion ebenfalls lernen, künftig seine Grenzen vielleicht früher zu signalisieren oder ein klares "Nein" zu einem Anliegen zu sagen, das seine persönliche Freiheit bedroht. Die Lernchancen beim Umgang mit Reaktanz weisen darauf hin, dass eine Liebesbeziehung für die Entfaltung persönlicher Potentiale von unersetzlicher Bedeutung ist, da eine solche Beziehung niemals nur harmonisch und selbstlos ist, sondern immer auch eigennützige und spannungsgeladene Facetten hat.

Nach Einschätzung des Paartherapeuten Jürg Willi "sind die beiden Liebespartner selbst ihre kompetentesten Kritiker und unerbitterlichsten Herausforderer. Sie reiben sich gerade deswegen aneinander, weil jeder von der Entfaltung und Weiterentwicklung des anderen direkt betroffen ist".

Abschließend möchte ich erwähnen, dass für mich die wichtigste Grundlage bei der Vorbeugung und Milderung einer Reaktanzreaktion ein – etwas altmodisch ausgedrückt – taktvoller Umgang der beiden Partner im alltäglichen Miteinander zu sein scheint, der sich in der gegenseitigen Achtung, Wertschätzung und in der Einfühlsamkeit zeigt.

Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 20 vom 16. Mai

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