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Serie: Lebensfragen - Lebenshilfe

02.08.2013

Helfen macht glücklich

Ein liebe- und erwartungsvoller Unterton schwang in der Stimme meiner Frau mit, als sie mir am Freitag mitteilte: "Nachdem es nun wieder wärmer ist, könntest du doch morgen das Geländer streichen". Obwohl ich ebenfalls die Notwendigkeit eines neuen Farbanstrichs für den schon seit Monaten vor sich hinrostenden Handlauf vor unserer Eingangstür sah und schon entsprechende Utensilien im Fachgeschäft ein-gekauft hatte, zog ich mich vorerst mit einer unverbindlichen Antwort aus der Affäre.

Was sollte ich tun? Ich befand mich in einem Dilemma. Zum einen erwartete die Redaktion der Kirchenzeitung bis Montag meinen Text. Berührt durch Reportagen über die vielen ehrenamtlich tätigen Helferinnen und Helfer in den Überschwemmungsgebieten im Mai und Juni, wollte ich diesmal einen Artikel über

den Glücksfaktor "Hilfsbereitschaft" schreiben. Zum anderen erwartete meine Frau Hilfsbereitschaft von mir. Gerade an meinem Schreibtag erwartete sie von mir die Erfüllung eines lange gehegten Herzenswunsches.

Nach dem legendären Franz Beckenbauer-Motto "Schau’n mer mal" setzte ich mich also am Samstagmorgen an den Schreibtisch. Mit dem Schreiben kam ich flott voran. Glücklicherweise konnte ich beim Thema "Hilfsbereitschaft" auf Erträge aus einem früheren Buchprojekt zurückgreifen, das ich zusammen mit der Journalistin Andrea Hammerl durchgeführt habe.

Anteil nehmen

Auf unserer Suche nach Glücksfaktoren in einer gelingenden Partnerschaft entdeckten wir beispielsweise bei Evi (55 Jahre) und Heinz (60 Jahre), wie förderlich die gegenseitige Hilfsbereitschaft für ihre Partnerschaft war. Absolut zuverlässig unterstützte Heinz Evi seit 35 Jahren im Haushalt und bei der Gartenarbeit.

Tatkräftig und mit Freude half er ihr auch bei ihrer Arbeit als Lehrerin, spielte regelmäßig in der Schule den Nikolaus und sprang ein, wenn im Lehrerchor eine Männerstimme fehlte. Umgekehrt nahm auch Evi bis zu Heinz Berentung immer wieder Anteil an seinem Beruf. "Dies war besonders dann wichtig", sagte Evi, "wenn ihm seine Arbeit an die Nieren ging, wenn er down war und einen Durchhänger hatte. Dann haben wir viel miteinander geredet. Dann war ich für ihn da".

Neben der Bedeutung der helfenden Hand eines Partners für seine Partnerin und umgekehrt, entdeckten wir bei unseren Recherchen aber auch, dass das helfende Tun eines Paares für andere Personen ebenfalls ein wichtiger Glücksfaktor für die eigene Beziehung ist. Pia (75 Jahre) und Fabian (72 Jahre) engagieren sich seit über 40 Jahren ehrenamtlich für Menschen mit Behinderungen. Sie geben Hilfe, weil sie davon überzeugt sind, dass dies ihre Aufgabe ist. Ob die Hilfe in ihren Zeitplan passt, ob sie ihnen einen persönlichen Nutzen bringt oder ob sie gar keine oder geringe Entlohnung dafür erhalten, spielt für sie keine Rolle. Bei unseren Gesprächen mit Pia und Fabian wie auch mit vielen anderen helfenden Paaren entdeckten wir, dass das gemeinsames Dasein für andere Menschen in ihrer Partnerschaft zu einer tiefen und glücklichen Verbundenheit führte – sei dies nun bei der Aufnahme eines Kindes in die Familie, bei der Pflege der Eltern und Großeltern, bei der Hilfe für Verwandte und Freunde in einer problematischen Zeit oder bei den schon erwähnten Menschen mit Behinderungen.

Nach Beendigung meines Artikels am späten Samstagnachmittag habe ich doch noch einen Ausweg aus meinem Dilemma gefunden. Mit Schwung nahm ich die Verschönerung des Geländers in Angriff. Das Schleifen und Streichen ging mir überraschend leicht von der Hand und nach vollendeter Arbeit war das zufriedene Lächeln meiner Frau meine schönste Belohnung.

Dr. Gerhard Nechwatal, Kirchenzeitung vom 4. August 2013

Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 20 vom 16. Mai

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