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20.12.2017

Weihnachten – eine Lebenseinstellung

Müssen Geschenke immer materiellen Wert haben? Die KiZ hat nachgefragt

 

Da war diese Anzeige eines großen Discounters für Unterhaltungselektronik, die Joachim Kohler nervte: „Weihnachten wird unterm Baum entschieden!“. Eben nicht, fand der Referent für Schulpastoral am Ingolstädter Gnadenthal-Gymnasium, und konfrontierte seine Schüler im Religionsunterricht mit einem anderen Spot.

Gott kommt in die Welt als neugeborenes Kind in einem Stall. Diese Vorstellung faszinierte den heiligen Franz von Assisi so, dass er 1223 beim Kloster Greccio ein Krippenspiel inszenierte. Assisi-Pilger stehen heute ergriffen vor der Grotte im Rieti-Tal.

Gott kommt in die Welt als neugeborenes Kind in einem Stall. Diese Vorstellung faszinierte den heiligen Franz von Assisi so, dass er 1223 beim Kloster Greccio ein Krippenspiel inszenierte. Assisi-Pilger stehen heute ergriffen vor der Grotte im Rieti-Tal. Foto: Benz

Ein einsamer alter Mann gaukelt an Weihnachten seinen eigenen Tod vor, damit die Kinder und Enkel endlich einmal wieder alle vorbeikommen. Ein etwas makabrer Werbefilm, zugegeben, „aber bei mir in der Oberstufe hat er richtige Diskussionen ausgelöst“, erzählt Kohler. Worüber freut man sich eigentlich an Weihnachten?

Das größte Geschenk

In einer Ansprache vor jungen Leuten hat Papst Franziskus in der Vorweihnachtszeit dazu aufgerufen, auf Menschen zuzugehen, die keiner sehe, „ihnen ein bisschen von eurer Zeit zu schenken, ein Lächeln, eine Geste der Zärtlichkeit“. Und in seiner letztjährigen Weihnachtspredigt warnte der Papst davor, sich vom kommerziellen Weihnachtsrummel vereinnahmen zu lassen. „Denken wir an das Kind in der Krippe“.

Den heiligen Franziskus hatte die Menschwerdung Gottes in einem armseligen Stall derart fasziniert, dass er im Jahr 1223 in einer Grotte beim Kloster Greccio das allererste Krippenspiel inszenierte.

Schwester Regitta Michel von den Dillinger Franziskanerinnen hat diesen Ort schon zweimal im Kreise von Mitarbeitern besucht. „Mitten im Sommer haben wir dort Weihnachten gefeiert“, erzählt die Konventoberin von Regens Wagner/Lauterhofen, für die das Fest eine stete Erinnerung ist, „immer wieder offen zu sein für das Schlichte und Kleine“. Natürlich gehöre zu Weihnachten auch das Schenken und Genießen, „zum Beispiel die guten Plätzchen, die bei uns im Haus gebacken werden“. Aber „das größte Geschenk ist einfach, dass Jesus in die Welt gekommen ist. Diese frohmachende Botschaft trägt mich durch den Alltag“. Das ganze Jahr über gebe es Möglichkeiten, die kleinen Dinge wahrzunehmen und wertzuschätzen, „ein freundliches Wort, ein Dankeschön, ein sonniger Tag, ein Kartengruß“. Schwester Regitta freut sich zum Beispiel jedes Mal sehr, wenn ihr eine Bewohnerin aus ihrem früheren Wirkungsort, Regens Wagner/Absberg, schreibt. „Es ist einfach schön, wenn Menschen, mit denen man ein Stück seines Weges gegangen ist, an einen denken“.

Dass sich das Gefühl des Beschenktwerdens nicht nur auf Weihnachten oder Geburtstag erstrecken soll, findet auch Angela Koller, Vorsitzende des Pfarrgemeinderats in Böhmfeld. Ein paar konkrete Anregungen hat sie im letzten Weihnachtspfarrbrief gegeben: „Jemand, den Sie gern haben, freut sich sicherlich über die eine oder andere Kleinigkeit von Ihnen. Es muss nichts Großartiges sein. Ein kleiner selbstgebackener Kuchen, ein Blumenstrauß, eine schöne Karte oder einfach nur ein paar nette Zeilen, ein lieber Händedruck, ein schöner Spaziergang. Das schönste und auch ein sehr einfaches Geschenk ist, wenn einer sagt: Ich brauch’ dich, ich hab Zeit für dich.“

Als Mutter von vier Kindern zwischen 24 und 13 Jahren „ist das Thema Schenken für mich immer spannend“, meint Koller. Natürlich könne man dem flügge gewordenen Nachwuchs schlicht Bares schenken. Doch seien „Geldgeschenke zwar schön und gut, aber eine zu einfache Lösung, denn eigentlich setzt man sich ja mit dem anderen nicht mehr wirklich auseinander“.

Damit am Gabentisch echte Überraschung entsteht, versucht Koller das Jahr über hellhörig zu sein, was sich die Angehörigen wünschen. Was beiläufig in einem Nebensatz erwähnt wird, schreibt sie sich auf, um es bis Weihnachten nicht wieder zu vergessen. Etwas weniger Alltagshektik, „bewusst erleben, statt in Gedanken schon einen Schritt weiter zu sein“, das ist der ganz persönliche Weihnachtswunsch der Böhmfelderin, die im kommenden Frühjahr erneut für den Pfarrgemeinderat kandidieren wird. Anders als in vielen Gemeinden des Bistums, herrscht in St. Bonifatius kein Mangel an Bewerbern. „Das ist auch ein kleines Weihnachtsgeschenk“, freut sich Koller, „diese Bereitschaft zu erleben“.

Weihnachtsbrief für Opa

„Geschenke, die nichts kosten“, so lautet der Titel eines vorweihnachtlichen Schulgottesdienstes, den Joachim Kohler vor einigen Jahren ausgearbeitet hat. „Oft haben wir den Eindruck, die Geschenke und der ganze Rummel lassen das Wesentliche dieses Festes in den Hintergrund geraten“, heißt es darin. „Daher wollen wir heute die Geschenke in den Hintergrund stellen und wie die Hirten ohne Geschenke aufbrechen – Weihnachten entgegen.“ Für alle, die einmal „anders schenken“ möchten, zählt der Gottesdienst Möglichkeiten auf: „Helfen, den Tisch abzutragen, einen Fehler zugeben, dem Opa einen Weihnachtsbrief mit der Hand schreiben, sich bei der Mama fürs Mittagessen bedanken (....). Überlege dir, ob dir noch mehr solcher Geschenke einfallen.“ Mit seinen Schülern schmückt Kohler jedes Jahr die Fenster der Pausenhalle im Gnadenthal-Gymnasium. Heuer haben Achtklässler sich Gedanken gemacht über „Geschenke, die nichts kosten“. Jüngere Schüler berichten Kohler im Morgenkreis immer wieder davon, dass sie für ihre Eltern gerade etwas basteln. Aus eigener Erfahrung weiß er, wieviel Freude so ein Geschenk machen kann: Sein eigener Sohn hat ihm einst einen Tannenbaum aus Sperrholz zu Weihnachten geschenkt. Sorgfältig hatte der damals Siebenjährige das Motiv ausgesägt, bemalt, auf eine Platte geklebt. „Es hängt immer noch in der Küche“, erzählt Kohler, „so ein wertvolles Geschenk kann man gar nicht kaufen, das würde ich nie entsorgen“. Materiell habe unsere Gesellschaft alles, überlegt der Theologe, „dass jemand wirklich an mich denkt, das ist viel wertvoller“.

Gabi Gess, Kirchenzeitung Nr 52/53 vom 24. Dezember 2017

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Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 38 vom 23.09.2018

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