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26.05.2021

Verreisen an Fronleichnam? Unmöglich! Altaraufbau und -schmuck als Familientradition / „Frage des Monats“ weckt viele Erinnerungen

Verreisen an Fronleichnam? „Frage des Monats“ weckt viele Erinnerungen

Die Altardecke aus Familienbesitz, die Antonie Kammerer aus Wettstetten und ihr 18-jähriger Enkel Markus hier in die Kamera halten, ist 122 Jahre alt – und wird immer noch genutzt. Foto: Königer

Der Herrgott lässt sich seinen Auftritt nicht nehmen“ – dieser Satz fiel in der Familie von Ingeborg Mark immer dann, wenn sie und ihre Angehörigen den Fronleichnamsaltar vor ihrem Haus allen drohenden Wetterkapriolen zum Trotz aufbauten. Ganz abgesagt worden sei der Umzug jedenfalls nur zweimal „in den 31 Jahren, in denen wir den Altar gestalteten“. 

Nun verhindert es Corona schon das zweite Jahr hintereinander, dass die Gläubigen der Monstranz durch die Straßen folgen. Man mag sich mit dem Gedanken trösten, dass Gott auf die große Bühne gerne verzichtet, solange er sich in den Herzen der Menschen verwurzelt weiß. Dennoch ist es ein Einschnitt in eine Tradition, die viele Menschen fast ihr ganzes Leben lang pflegen. Vor wenigen Wochen hatte die KiZ Leserinnen und Leser gefragt, welchen Bezug sie zur Fronleichnamsprozession haben und wie sie sich bei den Vorbereitungen einbringen.

Ab vier Uhr früh 

Die Neumarkterin Ingeborg Mark, 1944 geboren und aufgewachsen im Ortsteil Pölling, erzählt: „Meine Eltern hatten ein Gemischtwaren- und Friseurgeschäft, meine Mama war Hebamme. Kirchliche Werte wurden in unserer Familie hochgehalten. So gestalteten wir, als nach dem Krieg wieder Fronleichnamsprozessionen möglich waren, mit viel Liebe einen Altar.“ Jedes Jahr wurde er im Vorgarten des Anwesens errichtet. Auf alten Bildern aus Marks Fotoalbum erkennt man dahinter noch die Schaufenster des elterlichen Ladens. Ihre Mutter sei in Sachen Fronleichnamsaltar „Perfektionistin“ gewesen, erinnert sich Mark. „Auch wir Kinder waren darin eingebunden, ich hatte noch drei Geschwister. Zum Blumenpflücken wurden wir auf die Wiese geschickt und auch im eigenen Garten wurde abgeschnitten, was gerade wuchs. Früh morgens um vier Uhr ging es an den Aufbau, damit ja alles rechtzeitig fertig war. Auch wir Kinder wurden ‚herausgeputzt‘ und mit Blumenkörbchen ausgestattet, das Dabeisein war bereits für Kleinkinder oberste Pflicht.“

Leider sei ihre Mutter bereits mit 54 Jahren verstorben, berichtet Mark. „Sie hat während ihrer Krankheit eine lebensgroße, geschnitzte Madonna in Auftrag gegeben, die sie nicht mehr sah. Meine Schwester, die am Haus blieb, erbte die Madonna und hat sie noch jahrelang für den Fronleichnamsaltar eingesetzt, bis die Route der Prozession geändert wurde.“

Nach ihrer Heirat im Jahr 1965 zog Mark ins nahegelegene Seligenporten. „Dort waren seinerzeit noch die Zisterzienser präsent und es wurden zwei Umzüge gehalten, einer am Donnerstag innerorts und einer am Sonntag darauf außerhalb der Dorfmauer. Meine Schwiegereltern errichteten traditionell einen Herz Jesu-Altar, dessen Gestaltung dann bald auf mich und meinen Mann überging. Unterstützung hatten wir von einer Verwandten, die uns gegenüber wohnte. Wir verwendeten zwar einen herkömmlichen großen Teppich, der Zugang zum Altar aber wurde mit gelegten Binsen gestaltet.“

Das immer stärkere Verkehrsaufkommen an der Seligenportener Hauptstraße, wo die Familie ihre Metzgerei und Gastwirtschaft betrieb, habe 1996 schließlich zur Verlegung der Prozessions-Wegstrecke geführt, berichtet Mark, die seit elf Jahren in der Neumarkter Hofpfarrei lebt. Das große Herz Jesu-Bild ihrer Schwiegereltern, das sie 31 Jahre lang für den Aufbau des Altars verwendete, kommt inzwischen in Postbauer-Heng zu neuen Ehren: Eine von Marks Töchtern schmückt dort mit dem Familienkreis alljährlich einen Altar.

Seit Generationen

Antonie Kammerer aus Wettstetten hat an die KiZ geschrieben: „Das Fest Fronleichnam ist für mich seit meinem sechsten Lebensjahr ein fester Termin, da wir auf unserem Bauernhof direkt neben der Kirche seit mehreren Generationen einen Altar aufbauen. Schon am Vortag des Festes holen wir Birkenbäume aus dem Wald, das Gras wird frisch gemäht und auf Wiesen und Feldern sowie Nachbargärten werden fleißig Blumen für Gestecke und Blumenteppich gesammelt. Am Fronleichnamstag beginnen wir um 6 Uhr mit dem Aufbau des Altares. Eine Besonderheit davon ist das Altartuch, das aus dem Jahr 1899 stammt. Meine Urgroßmutter hat das Tuch mit einer von ihr selbst gehäkelten Spitze verziert. Jedes Jahr kommt dieses wunderschöne Schmuckstück zum Einsatz. Beim Blumenteppich helfen meine Kinder und inzwischen auch meine Enkelkinder mit. Eifrig wird jedes Jahr ein neues Motiv aus vielen wunderschönen Blumen gestaltet.“

Auch in Wettstetten habe es früher zwei Prozessionen gegeben, erinnert sich Kammerer, eine am Donnerstag, eine am Sonntag. Gleich beide Strecken führten am Hof ihrer Eltern vorbei, wo stets der letzte Haltepunkt für die Gläubigen war. Also musste gleich zweimal ein Altar aufgebaut und geschmückt werden. Über die Pfingstferien zu verreisen, wäre für die Kammerers nie in Frage gekommen. „Das hat es bei uns noch nie gegeben, dass wir über Fronleichnam nicht da waren. Ich bin jetzt 74 Jahre alt und wünsche mir, dass meine Kinder und Enkelkinder meine Arbeit einmal liebevoll weitermachen und somit Fronleichnam auch in ihrem Kalender ein fester Termin ist. Trotz aller Mühen und Vorbereitungen ist es jedes Jahr eine schöne Familientradition, die uns viel Freude bereitet.“ 

Die einzige wetterbedingte Störung, die Kammerer einfällt, liegt noch gar nicht so lang zurück: „2009 wurde die Gemeinde während der Prozession von einem starken Gewitter überrascht.“ Drei Stationen hatte die Gemeinde noch absolviert, ehe der Umzug abgebrochen werden musste. Durch den vierten Altar fuhr eine Windböe und zerstörte ihn komplett. „Ich hätte weinen können“, erinnert sich Kammerer an den Scherbenhaufen. Einzig die kupferne Bodenvase hatte überlebt. „Und auch am Kreuz hat Gott sei Dank nichts gefehlt.“

Auch Regina Schmidt, in Wettstetten als „Müllerbäuerin“ bekannt, hofft jedes Jahr, dass kein Sturm die stundenlange liebevolle Arbeit binnen Sekunden zunichtemacht. Seit mehr als 60 Jahren ist es Tradition, dass die ganze Großfamilie samt Nachbarin in der Hofeinfahrt einen Altar errichtet. Wie man einen Blumenteppich legt, hat Schmidt, ebenso wie Antonie Kammerer, schon als Kind bei der Lehrerin ihrer Dorfschule gelernt.“ 

Mit „Schlodnpfeiferla“

Hans Seitz, der nächstes Jahr 70 wird und fast 25 Jahre Vorsitzender des Pfarrgemeinderats Mitteleschenbach war, schreibt in seiner Mail an die KiZ: „Gerne erinnere ich mich an die Fronleichnamsprozessionen in meiner Kindheit Ende der 50er- und anfangs der 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Fronleichnam war immer ein besonderer kirchlicher Festtag – gerade auf dem Land. Eine sehr lange Prozession zog durch das Dorf und fast alle gehfähigen Dorfbewohner waren dabei, dazu die Kommunionkinder sowie alle Ortsvereine. Als Altäre dienten die damals noch zahlreichen Kapellen im Ort.

Die Häuser, an denen die Prozession vorbeikam, waren mit Blumen, Heiligenbildern und Kreuzen geschmückt. Eine Besonderheit in unserem Dorf war aber auch, dass auf den Wegen grünes Schilf, die sogenannten ‚Schlodn‘, ausgestreut wurde. Jeder Bauer holte dazu am Vorabend oder in den frühen Morgenstunden dieses Schilf von den nahen Weihern oder den Ufern des Eschenbachs. Vielleicht wollte man damals auch der Staubentwicklung vorbeugen, denn nur die wenigsten Straßen waren zur damaligen Zeit in unserem Ort asphaltiert. Wir Kinder waren damals auch sehr kreativ und bastelten – zuweilen auch während der Prozession – sogenannte ‚Schlodnpfeiferli‘. Und bald war ein richtiger Wettbewerb im Gange: Wessen ‚Schlodnpfeiferla‘ tönt am lautesten und schrecklichsten?“ Für Seitz war damit spätestens 1961 Schluss, als er erstmals als Ministrant bei der Prozession dabei war.

Ein noch älteres Foto hat Anni Heidenfelder (80) aus Schwabach ausgegraben. Es zeigt sie als Kommunionkind bei der Fronleichnamsprozession 1950 in ihrem damaligen Wohnort Herrieden. „Damals waren noch fast alle Kinder dabei“, erinnert sie sich. Sie weiß auch noch, dass damals, ähnlich wie in Mitteleschenbach, Schilf vom Altmühlufer geholt und entlang des Prozessionswegs ausgestreut wurde. In der ganzen Stadt habe es am Festtag nach Schilf geduftet. Mehrere Statuen wurden in der Prozession mitgetragen, deren Podeste geschmückt waren mit Girlanden aus Fichtenzweigen. Die Kinder holten sie jedes Jahr mit ihrer Handarbeitslehrerin, die den Armen Schulschwestern angehörte, aus dem Wald und banden sie im Schulhaus.

Regen und Ökumene

Auch als Erwachsene nahm Heidenfelder hautnah Anteil an den Fronleichnamsvorbereitungen. Bei der Katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB) Schwabach war ihr Mann 25 Jahre lang zuständig für die Organisation der Prozession. Schon am Vorabend kümmerte er sich darum, dass Birken geschnitten wurden, am Festtag um 4.30 Uhr morgens wurden die Altäre aus ihrem Lager in der Garage des Pfarrhauses geholt. Ehe die Gläubigen schließlich an den festlich geschmückten Stationen Halt machen konnten, gab es noch allerlei zu regeln. So erinnert sich Heidenfelder, dass ihr Mann jedesmal die Tennisspieler bat, ihre lautstarken Matches auszusetzen, sobald die Prozession an ihrem Trainingsgelände vorbeikam. Eine schöne Begebenheit schildert sie noch am Ende ihres Schreibens: „An Fronleichnam 2018 hatten die Frauen und Männer auf dem Marktplatz in Schwabach schon alles für die Prozession hergerichtet. Um halb acht waren sie mit allem fertig und um zehn nach acht kam ein richtiger Regenguss. Spontan hat der evangelische Dekan bei unserem Pfarrer Schrollinger angerufen und uns seine Martinskirche für den Festgottesdienst zur Verfügung gestellt. Es war ein wunderschöner Gottesdienst und nach der Messe schien wieder die Sonne und unsere Prozession konnte ohne Schirm fortgesetzt werden. So etwas nennt man Ökumene!“

 Gabi Gess


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Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 26 vom 27. Juni 2021

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