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07.02.2020

„Kirchenrecht bietet viele Spielräume“ Synodaler Weg: Bischof Hanke warnt vor überzogenem Reformeifer, sieht aber Möglichkeiten

Mit der Auftakt-Vollversammlung in Frankfurt am Main vom 30. Januar bis 1. Februar hat der Synodale Weg seine inhaltliche Arbeit begonnen. Bei dem auf zwei Jahre angelegten Gesprächsprozess wollen Bischöfe und Priester sowie Vertreter katholischer Räte und Verbände in Deutschland vor dem Hintergrund der Missbrauchsskandale in kirchlichen Einrichtungen versuchen, Wege aus der Vertrauenskrise der Kirche zu finden, Strukturen zu hinterfragen und einen geistlichen Neuaufbruch zu starten.

„Im Widerspruch zu Traditionen und Lehrpositionen“

„Im Widerspruch zu Traditionen und Lehrpositionen“: Mit einigen Wortbeiträgen beim Auftakttreffen war der Eichstätter Oberhirte nicht einverstanden.                       Fotos: pde/Heim

Bischof Gregor Maria Hanke hat sich im Vorfeld skeptisch zum Synodalen Weg geäußert und vor einer Fokussierung auf strukturelle Reformen sowie vor Entscheidungen gewarnt, die nicht durch das Kirchenrecht gedeckt sind. Im Interview mit der Kirchenzeitung schildert Hanke, der qua Amt an der Frankfurter Versammlung teilnahm, seine Eindrücke und was er sich von dem nun gestarteten Gesprächsprozess erwartet.

 

KiZ: Herr Bischof, die erste Vollversammlung des Synodalen Wegs liegt hinter uns. Mit welchen Eindrücken sind Sie aus Frankfurt am Main zurück nach Eichstätt gekommen?

Bischof Gregor Maria Hanke: Meine Eindrücke sind sehr vielschichtig. Zunächst einmal war die Vollversammlung eine Versammlung, in der in aller Offenheit und Freiheit gesprochen wurde und gesprochen werden konnte. Es war ein breites Spektrum sichtbar, spürbar, hörbar in der Vollversammlung. Also diese „Parrhesia“ (griechisch für „Freimut“; d. Red.), diese Offenheit, die man sich gewünscht hat, die war sicherlich gegeben. Zugleich hat diese Offenheit auch die Spannung kundgemacht, der sich die Vollversammlung künftig wird stellen müssen von der Positionierung her. Natürlich muss man auch davon ausgehen, dass die erste Versammlung erst rückbezüglich, referenziell ist. Das ist ähnlich wie bei großen Kongressen oder in der Politik bei Parteitagen. Da werden einfach mal Positionen gesetzt, Positionen, die schon bekannt sind, wiederholt. Ein Dialog, ein Diskurs kann eigentlich auf diese Schnelle noch nicht so richtig in Gang kommen. Das hat man auch gespürt – es war viel Positionierung, der Dialog hat gefehlt. Allerdings, wie gesagt, es ist eine große Spannbreite. Es waren auch verschiedene Positionen, die in Spannung oder gar im Widerspruch zu katholischen Traditionen und Lehrpositionen stehen. Da wird man sehen müssen, wie die Versammlung sich weiterentwickelt, wie man damit umgeht. Denn diese Dinge müssen ja angegangen und gelöst werden.

 

In der Sache ist ja durchaus schon kontrovers diskutiert worden während dieser zwei Tage. Hatten Sie den Eindruck, trotzdem, dass die Kontrahenten aufeinander gehört haben und aufeinander zugegangen sind?

Hanke: Ich glaube, das wird erst die Zukunft bringen müssen, dass man in einen inhaltlichen Dialog eintritt. In der ersten Vollversammlung habe ich es mehr so empfunden, dass Positionen gesetzt wurden. Das gegenseitige aufeinander Hören, das in den Dialog Eintreten, mit der Lehrtradition der Kirche und miteinander in den Dialog einzutreten, auch mit der Weltkirche, das habe ich jetzt noch nicht gespürt. Aber das wird eine Aufgabe sein. Und ich hoffe, dass sich die Synodalversammlung dieser Aufgabe stellt. 

 

Sie haben eine Spannung angedeutet zu katholischen Lehrpositionen. Wo sehen Sie die?

Hanke: Zum Beispiel in der Vehemenz, wie die Priesterweihe der Frau gefordert wird, oder das sehr heikle Thema der Segnung von homosexuellen Paaren, um nur diese zwei Themen zu nennen. Es gibt natürlich andere Bereiche, da ist tatsächlich Luft, da kann man viel entfalten, entwickeln: etwa Leitungsstile, das Führen, Leiten miteinander, das partizipative Element. Da, glaube ich, bietet auch das Kirchenrecht durchaus noch viele Spielräume.

 

Sie hatten ja im Vorfeld mehrfach die Befürchtung geäußert, dass beim Synodalen Weg zu viel über Strukturen geredet wird und nicht so sehr über geistliche Inhalte. Teilen Sie die Befürchtung immer noch?

Hanke: Ich glaube, nach der ersten Synodalversammlung kann man noch nicht genau sagen, welche Qualität dieser Weg annimmt. Es wurden sehr vehement Positionen gesetzt, deren Umsetzung gefordert. Und für mich ist nun die Frage: Versteht sich die Synodalversammlung künftig als Parlament, das mit Mehrheitsentscheidungen diese Entscheidungen durchwinkt, oder verstehen wir uns als geistliche Weggemeinschaft, die nun in einen inneren Prozess, eben diesen Dialog miteinander eintritt, in den Dialog mit der Tradition, die ja die Ausdeutung des Evangeliums für uns ist, in den Dialog mit der Weltkirche – und ich möchte einmal sagen, einen geistlichen Weg sucht zwischen Archäologismus und Enthusiasmus. Diese Gefahr sehe ich schon, dass man da abgleitet, und dass dann am Ende irgendwo eine Ergebnislosigkeit steht – Ergebnislosigkeit in dem Sinn, dass man zwar viele Beschlüsse fasst, aber man hat sich dann letztlich durch die Beschlussfassung abgekapselt von der Tradition der Kirche oder von der Gemeinschaft der Weltkirche.

 

Sie haben sich in Frankfurt auch gegen knappe Mehrheitsentscheidungen in den Synodalforen ausgesprochen. Sie wollen möglichst Einmütigkeit erreichen. Waren Sie überrascht, dass der Vorschlag, den Sie zusammen mit anderen Bischöfen unterbreitet haben, keine Mehrheit gefunden hat, sondern relativ klar abgelehnt wurde mit 26 gegen 181 Stimmen?

Hanke: Zunächst einmal: Einmütigkeit ist nicht Einstimmigkeit. Einmütigkeit heißt, dass die Position, die dann letztendlich von der Mehrheit vertreten ist, vertreten wird, sich so gestaltet, dass auch die Minderheit in gewisser Weise mitgehen kann und sich nicht ausgeschlossen fühlt. Das ist also ein Prinzip der Einmütigkeit, das ja in der Kirche als ein hohes Gut gilt. Die Konzilien der Vergangenheit waren immer bemüht, vom Prinzip der Einmütigkeit herzukommen. Die Synoden der Vergangenheit haben sich um dieses Prinzip der Einmütigkeit gemüht. In der Ordenstradition ist das noch lebendig. Ein reines, nacktes Mehrheitsprinzip, das ja bedeuten kann: 51 Prozent zu 49 Prozent, wird kein gutes Instrument für die Einmütigkeit sein. Und da ist dann die Frage, und diese Frage muss sich dann die Synodalversammlung selbst stellen: Wollen wir Parlament sein oder wollen wir geistliche Weggemeinschaft sein?

 

Sie selbst werden im Forum „Priesterliche Existenz heute“ mitwirken. Was erhoffen Sie sich von diesem Forum, welche Impulse können davon ausgehen?

Hanke: Ich hoffe, dass vor allem den Priestern und denen, die aufdem Weg sind, wieder Mut zugesprochen werden kann – indem wir das Priesterbild vielleicht auch reinigen von Überfrachtungen, die nicht notwendig mit dem Wesen des priesterlichen Dienstes zu tun haben, die aber in der Vergangenheit das priesterliche Wirken sehr beschwert oder gar verzerrt haben. Da, glaube ich, müssen wir ansetzen. Es geht eigentlich um eine Bestärkung, um eine Ermutigung, und zwar nicht nur für die Priester. Es ist auch eine Arbeit im Blick auf die Gläubigen. Denn der Priester ist ja keine Kaste, sondern wir sind Priester mit den Gläubigen. Und deshalb muss dieses Forum auch ganz stark die Gläubigen im Blick behalten, die Gläubigen in ihrer Beziehung zum Priester und der Priester zur Gemeinschaft der Gläubigen, zur Gemeinde. Das wird eine sehr wichtige Aufgabe sein. Es geht hier nicht darum, eine Standesspiritualität neu zu fassen, sondern im Rahmen der Communio-Theologie des Zweiten Vatikanischen Konzils eine Ermunterung zu geben für die priesterliche Existenz, und zwar im Blick auf die Gläubigen wie auf die Priester selbst.

 

Herr Bischof, die Diözese Eichstätt war in Frankfurt mit relativ vielen Wortbeiträgen und Stimmen vertreten. Wie haben Sie den Eichstätter Beitrag erlebt?

Hanke: Ich war etwas überrascht, dass das kleine Bistum Eichstätt so präsent und so vernehmbar war. Aber es kommt ja nicht auf die Diözese an, sondern es kommt auf die Inhalte an, die jeder mit einbringt und einbringen soll.

 

Was würden Sie sich wünschen, wie der Synodale Weg ins Bistum gebracht wird? Was soll im Bistum passieren in den nächsten Monaten und Jahren?

Hanke: Gut, der Synodale Weg ist ja zunächst einmal ein Geschehen, das ganz Deutschland betrifft. Und durch die Internetplattform ist ja ein breite Partizipation möglich. Ich denke, es ist wichtig, sich daran auch zu beteiligen, an den Möglichkeiten, die das Internet gibt, und sich so mit der großen Gemeinschaft zu vernetzen. Und überdies haben wir die Möglichkeit, mit den Vertretern in direkten Kontakt zu kommen, uns informieren zu lassen, im Dialog zu bleiben mit denen, die für das Bistum im Synodalen Weg sind. 

 

Herr Bischof, wenn der Synodale Weg ein Wasserglas ist, ist es halb voll oder halb leer für Sie?

Hanke: Das kommt jetzt darauf an, in welchem Lichte man das betrachtet. Ich würde es gerne im Lichte des Heiligen Geistes betrachten. Und vielleicht muss uns der Heilige Geist sagen, ob das halb voll oder halb leer ist. Ich glaube, das ist jetzt noch zu früh, um hier ein Urteil zu fällen.

 

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Hanke: Bitteschön.
 

Das Gespräch führte KiZRedakteur Bernd Buchner.

Auf Video finden Sie das Interview auf der Homepage der Diözese unter Bistum Eichstätt - Der Synodale Weg. Dort gibt es auch zahlreiche weitere Informationen zu dem Gesprächsprozess auf Bistumsebene.


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Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 23 vom 7.6.2020

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