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10.01.2020

Hoffnung auf gemeinsames Abendmahl Domkapitular Wolfgang Hörl über Stand und Perspektiven der Ökumene / Gebetswoche startet

Auch in diesem Jahr beginnt die traditionelle Gebetswoche für die Einheit der Christen im Bistum mit einem ökumenischen Gottesdienst im Eichstätter Dom am Samstag, 18. Januar, um 9 Uhr. Wie es um das konfessionelle Miteinander in der Region steht, erläutert Domkapitular Wolfgang Hörl, Leiter der diözesanen Ökumenekommission, im Interview.

Foto: pde/Gentner

Gemeinsam feierten der rumänisch-orthodoxe Pfarrer Iulian Miha (v. l.), Regionalbischof Stefan Ark Nitsche, Bischof Gregor Maria Hanke und der methodistische Superintendent Markus Jung den letztjährigen Eichstätter Gottesdienst zur Gebetswoche. Foto: pde/Gentner

KiZ: Herr Domkapitular, auf dem Gebiet des Bistums gibt es katholisch wie auch evangelisch geprägte Regionen.

Wolfgang Hörl: Ja, in den nördlichen Dekanaten wird die Ökumene intensiver gepflegt als im Süden. Das hängt damit zusammen, dass Ökumene in der Regel immer der kleine Partner macht – der muss schauen, dass er auf Augenhöhe kommt. Grundsätzlich gibt es keine Probleme in der Ökumene, jedenfalls nicht so, dass sich jemand bei uns in Eichstätt beschweren würde. Es gibt Pfarrgemeinden und Pfarrer, die offener sind, denen Ökumene ein Herzensanliegen ist. Da wird dann auch mehr gemacht. Beim anderen vielleicht nur das Notwendigste. Aber wir sind überall ökumenisch aufgestellt. Gemeinsame Schulgottesdienste sind Standard, auch der Weltgebetstag der Frauen ist ökumenisch.

 

Sie leiten gemeinsam mit dem emeritierten Eichstätter Dogmatiker Prof. Dr. Manfred Gerwing die Ökumenekommission der Diözese. Welche Impulse kann diese geben?

Hörl: Zum einen spiegelt die Kommission wider, was draußen konkret läuft. Wir haben lokale Arbeitsgemeinschaften Christlicher Kirchen (ACK) in Nürnberg, Ingolstadt und Schwabach (siehe Beitrag auf S. 15). Deren Vertreter sind auch in der Kommission. Umgekehrt machen wir Bildungsarbeit. Jeden Herbst laden wir zum Beispiel die Ökumenebeauftragten der Pfarrgemeinderäte ein. Letztes Mal stand Franz von Assisi im Mittelpunkt. Er war vor genau

800 Jahren beim Sultan al-Malik al-Kamil im Heiligen Land und führte den ersten interreligiösen Dialog. Franz hat über den Tellerrand hinausgeblickt und sich auch etwas abgeschaut: Er bekam den Gebetsruf des Muezzin mit und sagte: Das brauchen wir hier auch. So haben wir seit 800 Jahren das Gebetläuten zum Angelus.

 

Was ist vor Ort die Aufgabe der Arbeitsgemeinschaften?

Hörl: ACK bedeutet immer eine multilaterale Ökumene – es gibt nicht nur katholisch und evangelisch, sondern mindestens drei Partner. Das können Orthodoxe, Freikirchler oder andere sein. Es gibt Treffen, Aktionen und natürlich das Gebet. Ökumene von morgen muss Alltagsökumene sein. Die Eventökumene gibt es auch – aber nur alle paar Jahre. Das Tragende ist das, was immer ist, was sich eingespielt hat: Frühschichten, Bibelteilen, Exerzitien im Alltag.

 

Viele denken bei Ökumene an evangelisch und katholisch. Sind die Orthodoxen manchmal zu wenig im Blick?

Hörl: In Eichstätt nicht. Wir haben hier das Collegium Orientale und Gründungsrektor Dr. Andreas Thiermeyer ist Mitglied in der Ökuemenekommission. Auch in der bayerischen ACK, wo ich den Bischof vertrete, sind die Orthodoxen präsent. Dort bekommen wir etwa den Streit in der Ukraine hautnah mit, weil die Russen und die Ukrainer ja ihre Gebetsgemeinschaft beendet haben. Wenn wir in dem Gremium beten wollen, dann gehen die beiden Russen raus zum Kaffeetrinken. In Deutschland sticht natürlich das katholischevangelische Verhältnis am meisten heraus. Für Bischof Hanke ist wichtig, dass wir den Kontakt zu den Freikirchen verstärken. Das ist auch ein Anliegen des Papstes.

 

Welche Freikirchen?

Hörl: Alle, die es bei uns gibt. Sie sind ja auch in der ACK vertreten. Beim ökumenischen Gebet in Eichstätt, wie es nächsten Samstag wieder stattfindet, war immer auch Anja Landes-Schell von den Mennoniten mit dabei.

Es gibt jedes Jahr auch ein ökumenisches Pfarrertreffen.

Hörl: Das wird im Kirchenkreis Nürnberg veranstaltet, mit rund 30 Geistlichen – 15 katholisch, 15 evangelisch. Beim letzten Mal waren Regionalbischof Stefan Ark Nitsche und Bischof Hanke dabei. Thema war Johann von Staupitz, der Ordensobere Martin Luthers. Er ist nie evangelisch geworden, hat aber immer seine schützende Hand über Luther gehalten. Nächstes Jahr werden wir uns mit Dietrich Bonhoeffer beschäftigen.

 

Sie haben den Ukrainekonflikt angesprochen. Da merkt man, dass es in der Ökumene auch knirschen kann. Wo läuft es gut, wo weniger?

Hörl: Gut laufen wird es grundsätzlich immer, wenn man offen für den anderen ist, sich auch mal dessen Sichtweise zu eigen macht. Und wenn man den anderen nicht als Feind betrachtet, sondern als Geschenk, Bereicherung, Ergänzung. Ansonsten haben wir fünf Bereiche in der Diskussion: zunächst die Rechtfertigungslehre – das ist zementierter Boden, da haben wir die Augsburger Erklärung von 1999. Auch bei Schrift und Tradition gibt es versöhnte Verschiedenheit, das ist auch in Ordnung. Noch offen sind Amts-, Kirchen- und Eucharistieverständnis. Da bemüht man sich jetzt auch um eine gemeinsame Erklärung. Wenn es nach Heinrich Bedford-Strohm geht, dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, soll das bis zur 500-Jahrfeier der „Confessio Augustana“ 2030 geschehen. Mit dem Ziel, dann gemeinsam Abendmahl zu feiern. Der Ökumeneminister des Papstes, Kardinal Kurt Koch, hat gesagt, das sei ehrgeizig, aber machbar. Schauen wir mal. Die Hoffnung geht schon dahin.

 

In Ihrer Pfarrgemeinde erleben Sie Ökumene ganz anders als mit dem Blick der hohen Theologie.

Hörl: Ja, wir müssen das Thema immer auch von den konfessionsverbindenden Familien her denken. Wir in Neuendettelsau haben einen Katholikenanteil von 14 Prozent, die meisten sind konfessionsverbindend verheiratet, an denen geht es ja letztlich aus, wenn wir nicht weiter aufeinander zugehen. Konfessionsverbindende Ehepaare haben Kinder. 

 

Wie erklärt man denen, was die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede sind?

Hörl: Das wird man fast nicht erklären können. Weil uns einfach viel mehr verbindet als uns trennt. Das Glaubensbekenntnis eint uns, teils auch die Sakramentenlehre – beim Abendmahlsverständnis gibt es zwischen Lutheranern und Katholiken fast keinen Unterschied. 

 

Gäbe es die gemeinsame Erklärung zu Amt, Eucharistie und Kirchenverständnis, was bleibt dann noch von den Unterschieden? Geht die Ökumene dann zu Ende?

Hörl: Das Ziel ist die sichtbare Einheit in versöhnter Verschiedenheit. Versöhnte Verschiedenheit ist ein Begriff, der in der Ökumene schon lange verwendet wird. Papst Benedikt XVI. hat ihn nie in den Mund genommen, sein Nachfolger Franziskus sehr wohl wieder. Wenn man aber nur versöhnte Verschiedenheit hat, kann jeder sein Ding machen, wie er lustig ist. Deshalb ist uns die sichtbare Einheit wichtig. Da muss auch die Rolle des Papstes geklärt werden. Und Ökumene muss man schon weiter betreiben – wenn sie erreicht ist, muss man daran, wie an einer guten Ehe auch, arbeiten, dass wir miteinander auf dem Weg bleiben. Natürlich wird jeder seine eigenen Traditionen pflegen, Bach bei den Evangelischen, der Weihrauch, die Volksfrömmigkeit, das Rosenkranzgebet bei uns. Es gibt schon so Sachen, wo jeder den anderen beschenken kann, aber auch andere, wo man sagen kann:

 

Das ist jetzt nur unsere Geschichte. Welchen Beitrag kann die Gebetswoche für die Einheit auf dem Weg der Ökumene leisten?

Hörl: Während ökumenische Gottesdienste in der Regel einen Zweck haben, ist bei der Gebetswoche allein der Auftrag Jesu maßgeblich: Ich will, dass sie eins sind. Hier nehmen wir das Herrengebet ernst und auf. Das kann schon etwas bewirken, wenn sich die Christenheit gemeinsam an den Vater wendet, dass er uns die Einheit schenkt. Und er wird sie uns schenken, weil wir das nicht selbst machen können. Das wird kein Koalitionsvertrag sein von zwei Regierungsparteien.

Interview: Bernd Buchner

 


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Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 23 vom 7.6.2020

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