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22.09.2017

Gebete in Geez und ohne Schuhe

In Ingolstadt entsteht eine eritreisch-orthodoxe Gemeinde / Noch fehlt eigene Bundeslade.

 

Die alte Kirche St. Martin in Ingolstadt-Mailing, es ist Sonntagmorgen. Im Gotteshaus sind Menschen zum Gebet versammelt, aber es sind fremde Klänge, die hier zu hören sind. Die Beter kommen aus Eritrea und gehören der eritreisch-orthodoxen Tewahedo-Kirche an.

Trommel und Stöcke. Manche Gottesdienstbesucher tragen einen Kreuzstab, Mokoja genannt. Er soll an das Kreuz Christi erinnern. Foto: Fobes

Der Blick fällt in viele junge Gesichter, vor allem Männer sind im Gottesdienst, aber auch einige Frauen. Fast alle tragen weiße Gewänder, die Frauen einen Schleier über dem Kopf. „Heute, am 10. September“, sagt Habtom Weldy, „feiern wir das Neujahrsfest, 2010 nach Christi Geburt. Außerdem gedenken wir des heiligen Johannes des Täufers.“ Weldy ist Diakon in seiner Kirche. Der heute 26-Jährige ist schon seit seiner Jugend Diakon, und er könnte sich auch vorstellen, Priester zu werden – wenn er die richtige Frau fürs Leben gefunden hat. Denn in der eritreischen Kirche können Verheiratete zwar Priester werden, nach der Weihe ist aber eine Eheschließung nicht mehr möglich – ähnlich, wie es in der römisch-katholischen Kirche bei den Diakonen ist.

Diakon Habtom ist es nichtzuletzt zu verdanken, dass sich heute die Eritreer in der Mailinger Kirche versammeln. Er hat viele zusammengeführt, die als Flüchtlinge aus dem ostafrikanischen Land gekommen sind, das unter einer harten Diktatur zu leiden hat. Guten Kontakt hat er zu PfarrerErich Schredl von der PfarreiSt. Augustin in Ingolstadt. Auch hier versammeln sich die Eritreer zum Gebet, zumeist werktags, während sie am Sonntag in Mailingzusammenkommen. 

Gastfreundschaft

Habtom freut sich über die Offenheit, die er hier erleben darf. In St. Augustin sind sie allerdings zumeist im Pfarrsaal, in der Kirche ist es im Herbst und Winter recht kalt – gerade auch deswegen, weil es bei einem eritreischen Gottesdienst üblich ist, sich vorher die Schuhe auszuziehen. „So wie Moses sich die Schuhe auszog, als Gott ihm im brennenden Dornbusch erschien“, sagt der Diakon. Und dieser Respekt vor dem Allerheiligsten wird auch dadurch sichtbar, dass während des Gottesdienstes der Altarraum in der Kirche verhüllt ist. Allein Habtom tritt hin und wieder hinter den roten Vorhang.

Die Gottesdienste sind sehr lebendig. Neben dem Vortragen von Bibeltexten und der Auslegung der Schrift spielen gemeinsamer Tanz und mit der Trommel begleiteter Gesang eine wichtige Rolle. Die sehr eindringlichen Melodien werden in Geez gesungen, einer altäthiopischen Sprache, die in der Liturgie eine wichtige Rolle spielt. Einige Teilnehmer tragen einen eigentümlichen Stock in der Form eines „T“ mit sich, der an den Stab des frühchristlichen afrikanischen Einsiedlers Antonius erinnert. Habtom erklärt: „Dieser Stab, der den Namen Mokoja trägt, weist auf das Kreuz hin und soll daran erinnern, dass wir auch unser Kreuz zu tragen haben und so Christus nachfolgen.“

Die sonntäglichen Gottesdienstesind indessen keine Messfeiern. Eucharistie kann in der eritreischenKirche auch nicht ohne weiteres gefeiert werden, wenn ein Priester anwesend ist, denn für alle Sakramentsfeiern muss ein Tabot in der Kirche präsent sein. Der Tabot ist eine kleine Nachbildung der Bundeslade, jener Truhe, in der die Zehn Gebote aufbewahrt waren und die sich im Jerusalemer Tempelbefand. Diese Lade soll nach Auffassung der Äthiopier von Melenik, dem Sohn Salomons in die äthiopische Stadt Aksum gebracht wordensein und sich bis heute dort befinden.Sofern Eucharistie in einer Kirche gefeiert wird, wo sich kein Tabot befindet, muss dieser aus einer anderen Kirche herbeigebracht werden. Für die Eritreer in Ingolstadt wird zur Messfeier eigens der Tabot aus der Gemeinde München gebracht.

Ein großes Fest werden die Eritreer am 29. und 30. September begehen. Dann wird in Ingolstadt eine neue eigenständige Gemeinde der eritreisch-orthodoxen Tewahedo-Kirche entstehen. Bislang sind die Christen in Ingolstadt noch von der Münchner Gemeinde abhängig. Die Erhebung zur Gemeinde wird in der Pfarrkirche St. Michael in Etting gefeiert. Weiterhin werden allerdings auch künftig vor allem die Martinskirche in Mailing und die Räumlichkeiten in St. Augustingenutzt. Einen eigenen Tabot für die Sakramentenfeiern wird es vorläufig auch noch nicht geben, denn zu diesem Zweck muss der Patriarch der Eritreisch-Orthodoxen Kirche eigens nach Ingolstadt kommen.

Raymund Fobes/af, Kirchenzeitung Nr. 39 vom 24. September 2017

Die Feierlichkeiten zur Gründung der eritreischen Gemeinde beginnen am Freitag, 29. September,um 18 Uhr in Etting. Ab Mitternacht finden in der Pfarrkirche Gebete und Gottesdienste statt. Die Feier endet am Samstag, 30. September, um 10 Uhr.

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