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Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

11.05.2018

Wie kann man Gott erkennen und erfahren?

Niemand hat Gott je geschaut, so schreibt der Verfasser des ersten Johannesbriefs. Und doch suchen die Menschen seit Urzeiten nach dem Geheimnis Gottes. Durch alle Jahrhunderte hindurch haben die Religionen die Suche nach Gott lebendig gehalten. Die Menschen würden unter Ihr Niveau absinken, würden sie nicht mehr nach dem immer Gültigen hinter allem Vorläufigen suchen.

Unsere Suche nach Gott ist nicht wie eine Expedition in einer weglosen Wüste oder wie eine Suche ins völlige Dunkel hinein. Es gibt Wegzeichen. Gott selber hat solche Lichter aufgesteckt und uns einen Weg gebahnt. Das  Wort Gottes ist wie ein Licht, wie ein Wegweiser, damit wir den Weg leichter finden. 

Auf der Suche nach Gott gibt es auch Irrwege. Einer dieser Irrwege ist die sogenannte „gnostische Versuchung“. Auf sie hat Papst Franziskus in seinem neuen Lehrschreiben „Gaudete et Jubilate“ hingewiesen. Die Gnosis lehrt, dass die Vollkommenheit des Menschen nicht im irdischen Handeln zu erreichen ist, sondern nur im geistigen Erkennen. Der um das Jahr 100 nach Christus entstandene Johannesbrief ist ein Warnbrief gegenüber der damals weit verbreiteten gnostischen Irrlehre, die zu allen Zeiten in subtilen Formen wiederkehrt. Die Gnosis lehrt, dass der Mensch durch geistige Erkenntnis zu Gott gelangt. Der Bezug zum konkreten irdischen Leben und die Bewährung des Glaubens im praktischen Leben sind unwichtig. Auf die Erfüllung seiner Verantwortung im täglichen Miteinander wurde nicht viel Wert gelegt. Die Gnosis ist im Grunde eine falsche Frömmigkeit, eine Flucht vor unserer irdischen Wirklichkeit.

Wie gelangt der Mensch zu Gott? Wie kann er Gott erkennen und Gott erfahren? Um diese Frage geht es auch in der zweiten Lesung dieses Sonntags. Ganz demütig bekennt der Verfasser: Ich habe Gott, den ich euch verkünde und zu dem ich euch hinführen will, nicht gesehen. Niemand kann Gott in diesem Leben sehen. Dieser Wunsch bleibt uns für die Ewigkeit vorbehalten! Erst im Tod werden wir Gott schauen. Doch allzu gerne würden wir wissen, wie Gott ist. Wenn wir nur ein klein bisschen von ihm schauen könnten! Der Johannesbrief antwortet darauf: Das brauchen wir nicht und das geht auch nicht. Aber es gibt einen anderen Weg zu Gott. Dieser macht einen wahren und echten Kontakt mit Gott möglich. Er schenkt uns sogar die Gewissheit, dass Gott in uns ist und dass wir mit ihm verbunden sind: „Niemand hat Gott je geschaut; aber wenn wir einander lieben, dann bleibt Gott in uns. Daran erkennen wir, dass wir in ihm bleiben.“

Es gibt also doch eine Erfahrung Gottes, eine wirkliche Gewissheit seiner Nähe, einen echten Kontakt mit Gott: „Wenn wir einander lieben.“ Wenn wir versuchen, gut miteinander umzugehen, über andere nicht böse zu reden, einander nicht zu verleumden und einander selbstlos zu lieben. Liebe ist nicht bloß ein Gefühl. Liebe gibt es nur, wenn sie getan wird. „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm.“ Der heilige Augustinus sagt: „Zu Gott kann man nicht gehen, sondern zu Gott gelangt man durch die Liebe.“ Denn die Vollkommenheit des Menschen besteht nicht in der Erkenntnis, sondern in der von der Liebe geleiteten Tat.

Als der heilige Franziskus einst hörte, dass sein Mitbruder Antonius von Padua die Franziskanerbrüder in Theologie unterrichtete, schrieb er ihm einen Brief: „Antonius, es gefällt mir, dass du den Brüdern die heilige Theologie vorträgst und sie in der christlichen Weisheit unterweist, wenn du nur nicht durch dieses Studium den Geist des Gebetes und der Hingabe auslöscht und dich von der Frische des Evangeliums entfernst.“

Pius Schmidt, Kirchenzeitung Nr. 19 vom 13. Mai 2018

Lesungen zum 7. Sonntag der Osterzeit am 13. Mai 2018

Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 42 vom 21.10.2018

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