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Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

03.06.2020

Dreifaltigkeit – Eigentlich gar nicht so kompliziert

Foto: Archiv

Dreifaltigkeitsbildstock bei Neunstetten. Foto: Archiv

Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch schreibt einmal in seinen Tagebüchern, dass wir gerade von Menschen, die wir lieben, am wenigsten aussagen können, wie sie seien. Bleiben wir einander tatsächlich ein Geheimnis? Ist für uns auch der Allernächste etwas Unergründliches? Und Gott? Fällt es uns bei ihm nicht gerade besonders schwer, zu sagen, wie er sei? 

An diesem Sonntag begehen wir das Dreifaltigkeitsfest! Ach ja, viel zu kompliziert, sagen wir. Ist das wirklich so? Die Frage ist: Können wir es akzeptieren, dass es Gottes innerste Sehnsucht ist, uns ganz nahe zu sein? Dass er einen „starken Trend nach unten“ hat, einen „Trend in die Tiefe“.

Von dieser Leidenschaft Gottes spricht die Bibel. Etwa in der heutigen ersten Lesung aus dem Buch Exodus. Da stellt sich Jahwe dem Mose vor als der „barmherzige und gnädige Gott, langmütig und reich an Huld und Treue“. Ist das nicht ein Übermaß an Sympathie und Empathie? 

Dennoch: Was für eine Tragik! „Wir sind ein störrisches Volk“ – der Mensch schlägt dieses unermessliche göttliche Wohlwollen einfach aus. Aber Gott gibt nicht auf. Er startet einen nahezu wahnwitzigen Versuch, auf dem „Flugplatz unserer Herzen“ landen zu können. 

„So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn für uns hingab“, lesen wir im heutigen Evangelium. Eigentlich ungeheuerlich: Um bei uns anzukommen, macht sich Gott uns gleich. Er macht uns in Jesus das Angebot seiner Freundschaft, es ist ein Angebot auf gleicher Ebene. Liegt nicht genau darin das Geheimnis seiner Nähe? Dass er ganz auf die Karte seiner Liebe und unseres Glücks setzt? 

Was ist Gott für Sie, für mich? Für viele ist er ein höchstes Wesen, das Absolute oder der Allmächtige. Doch das christliche Gottesverständnis geht noch weit darüber hinaus. Da ist Gott vor allem einer, der sein Herz für uns zerreißt, der sich schinden und kreuzigen lässt. Ja, seine Leidenschaft nach unten geht sogar so weit, dass er in uns leben und wohnen möchte. 

Es wurde dadurch wahr, dass der auferstandene Christus den göttlichen Geist in die Herzen einhauchte. Diese Geist-Power war so stark, dass er nicht nur im Kreis der Jünger und Frauen weiterleben wollte, sondern in der Gemeinschaft aller Glaubenden, in der Kirche. Die Garantie dafür ist das Pfingstwunder. 

Damit nicht genug: Die Sehnsucht Gottes nach uns Menschen können wir in jedem Sakrament erspüren, das wir empfangen: In der Taufe vorbehaltlos angenommen, in Firmung und Priesterweihe in Dienst genommen, in der Buße und in der Eucharistie in seine Nähe genommen und in der Krankensalbung ganz in seine Liebe übernommen. 

Das Geheimnis des dreifaltigen Gottes ist eigentlich gar nicht so kompliziert, wenn wir den Mut haben, uns auf so viel Nähe, Zuwendung und Wärme einzulassen. Wer diesen Mut hat, dem bleibt weder der Allernächste, noch Gott ein Geheimnis. Es ist eher Freude und Glück. 

Richard Distler, Pfr. i. R.Kirchenzeitung Nr. 23 vom Dreifaltigkeitssonntag (zum Evangelium Joh 3, 16-18)


Dreifaltigkeitssonntag

Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 28 vom 12.7.2020

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