Zum Inhalt springen

Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

03.03.2021

Das ist ein Fasten, wie ich es liebe

Was für eine Überraschung! Jesus ein Terrorist, der vor Gewalt nicht zurückschreckt!? Hat er nicht gesagt: „Lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und demütig von
Herzen?“ (Mt 11, 28).

Als die Jünger bei einer anderen Gelegenheit dreinschlagen wollten, hat er es ihnen verboten. Und Petrus wurde von Jesus zurechtgewiesen, als er bei dessen Gefangennahme einem Knecht das Ohr abschnitt. Warum wird dann Jesus hier, im Text des heutigen Sonntagsevangeliums, so gewalttätig und fällt aus der Rolle?

Die Bibelwissenschaftler gehen davon aus, dass diese Auseinandersetzung Jesu mit den Verkäufern gar nicht stattgefunden hat. Zum einen hätten sich die Händler dort sofort gewehrt. Auch die Tempel-Polizei, die dort stationiert war, hätte sofort eingegriffen. Wegen aufrührerischer Haltung wäre Jesus auf der Stelle verhaftet worden.

Was soll uns aber diese anstößige Szene sagen, über die alle Evangelisten berichten?

Fündig werden wir am besten bei den Propheten, zu denen sich Jesus selbst ja auch zählt. Der Prophet Jeremias hat vor dem Tempel in Jerusalem eine berühmte Rede gehalten, in der er den ankommenden Pilgern das Betreten des Tempels verbot. Er hat sich den singenden und betenden Menschen in den Weg gestellt und hat sie aufgefordert, sofort wieder nach Hause zu gehen. Er trat im Namen Gottes auf und predigte: „Bessert eure Wege und eure Werke (...) denn nur wenn ihr eure Wege und Werke bessert, wenn ihr Fremdlinge, Witwen und Waisen nicht bedrückt, dann will ich mit euch wohnen an diesem Ort“, sagt Jeremias im Namen Gottes. Und er droht damit, dass Gott aus dem Tempel auszieht, weil er unter diesen Bedingungen ihre Opfer nicht riechen kann (Jer 7).

Und in dieselbe Kerbe schlug der Prophet Jesaja: „Das ist ein Fasten, wie ich es liebe: die Fesseln des Unrechts lösen, die Stricke des Jochs entfernen, die Versklavten freilassen, jedes Joch zerbrechen, an die Hungrigen dein Brot austeilen. Die obdachlosen Armen ins Haus aufnehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn bekleiden“ (Jes 58, 6 ff). Und wir fühlen uns schon gut, wenn die Flüchtlinge in einem Lager untergebracht sind, auch wenn die Unterbringung menschenunwürdig ist.

Und ähnlich lesen wir das in der Gerichtsrede beim Evangelisten Matthäus: „Denn ich war hungrig und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich war durstig und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben. Ich war fremd und ihr habt mich nicht aufgenommen. (...) Was ihr immer einem dieser Geringsten nicht getan habt, habt ihr mir nicht getan“ (Mt 25, 42 ff).

Und die eindeutige Aussage Jesu: „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“ (Mt 9, 13) hat bereits der Prophet Hosea ähnlich getroffen, wenn er schreibt: „Liebe will ich, nicht Schlachtopfer“ (Hosea 6, 6).

Wenn wir die Fastenzeit ernst nehmen wollen, dann bitte ein Praktikum der Nächstenliebe. Das ist der entscheidende Härtetest!

Und am Beispiel des barmherzigen Samariters hat Jesus das konkret gemacht. Die Liturgie-Genies bekommen doch ihr Fett ab, weil Jesus ausdrücklich das Verhalten des Samariters – der obendrein gar kein echter Jude war – als Vorbild hinstellt: „Willst du vollkommen sein, dann gehe hin und tue das Gleiche“ (Lk 10,37). Das heißt doch flüchte bitte nicht in die Liturgie und überlass die Drecksarbeit nicht den anderen. Auch Latein wird beim Jüngsten Gericht nicht abgefragt. Und der Dienst am Geringsten, egal welcher Haut-farbe oder Religion, wird in den Augen Jesu zu einem Gottesdienst. Kann dann Fastenzeit langweilig werden?

P. Josef Lienhard, Kirchenzeitung Nr. 10 vom 7. März 2021 - Evangelium: Joh 2, 13–25

 


Dritter Fastensonntag

Der Mensch ist in dieser geschaffenen Welt das Wesen, das von Gott angesprochen wurde und auch heute noch angesprochen wird. Gottes Wort an den Menschen ist Offenbarung, Verheißung und Forderung. Auch die Forderung Gottes ist Offenbarung und Verheißung; sie sagt uns, wer Gott ist, und zeigt uns den Weg, den wir gehen können.

Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 16 vom 18. April 2021

Kontakt / Abo

Kirchenzeitung für das Bistum Eichstätt
Verlag und Redaktion
Sollnau 2, 85072 Eichstätt
Tel. (08421) 50-810
Fax (08421) 50-820
verlag(at)kirchenzeitung-eichstaett(dot)de
redaktion(at)kirchenzeitung-eichstaett(dot)de
anzeigen(at)kirchenzeitung-eichstaett(dot)de

Bezugspreise (ab Jan. 2021):
Durch die Agentur (Pfarramt) monatlich 8,80 €
(7,60 € einschl. 7 % MWSt. + 1,20 € Zustellgebühr);
durch die Post monatlich 9,55 €;
Einzelnummer 2,20 €.