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Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

01.12.2017

Adventliche Stimmung allein reicht nicht aus

Foto: pixelio/Thomas Max Müller/bearb. Karl

Der erste Advent beginnt in der Kirche mit großer Nüchternheit, im Unterschied zu der uns jetzt umgebenden Vorweihnachtszeit. Fast im Gegensatz dazu stehen die nüchternen Worte der biblischen Texte vom ersten Adventssonntag.

 Es beginnt mit einem Klagelied aus der vorchristlichen Zeit, aus einem der dunkelsten Kapitel der Geschichte des alttestamentlichen Gottesvolkes. Aus der Tiefe der Seele eines gebeugten Volkes kommt der sehnsuchtsvolle  Ruf: „Du, Herr, bist unser Vater, unser Erlöser von jeher wirst du genannt. (...) Doch treulos sind wir geworden, abgeirrt von deinen Wegen. Unsere Gerechtigkeit ist wie ein schmutziges Kleid. Wie Laub sind wir verwelkt. Unsere Schuld trägt uns fort wie der Wind“ (Jes 63. 64). Doch „Not lehrt beten“, heißt ein alter Spruch. Es ist wie beim verlorenen Sohn, der auch einst in seinem Elend zur Besinnung kam. Die Erinnerung an seinen Vater gab ihm Kraft, neu aufzubrechen. Auch das alttestamentliche Gottesvolk hätte nach der langen Zeit der babylonischen Gefangenschaft nicht mehr die Kraft gehabt, neu zu beginnen, hätten sie nicht mehr die Erinnerung an ihren Vater und Erlöser in sich getragen: „Es gibt keinen Gott, außer dir, der denen Gutes tut, die auf ihn hoffen“ (Jes 63, 3). Diese Worte treffen uns jetzt am Beginn des Advents. Wie können wir unsere Beziehung zu Gott erneuern? Adventliche Stimmung alleine wird jedenfalls nicht ausreichen. Am Anfang steht ein Weckruf: „Seid wachsam! Der Herr soll uns nicht schlafend antreffen. Was ich euch sage, das sage ich allen: Seid wachsam!“ (Mk 13, 37). Wie ein Ohrwurm zieht sich dieser Aufruf durch die Adventsliturgie.

Wann schlafen denn die Christen? Die Kirche schläft, wenn sie nicht mehr damit rechnet, dass Gott da ist. Dann wird die Kirche geschwächt. Ihr Glaube verkommt zu „toten Formeln“. Ihre Botschaft wird zur bloßen Morallehre. Ihre Liturgie zu einem Ritualismus. Gott ist schon gegenwärtig! Er kommt nicht erst am Ende der Welt. Die Kräfte des Gottesreiches durchwirken schon unsere Welt. Im Wort Gottes scheinen sie auf; im Gebet berühren wir sie; in den Sakramenten sind sie uns ganz nahe.

In der Gegenwart leben – man kann dieses Anliegen Jesu auch mit einem anderen Wort beschreiben: Präsent sein! Viele Menschen sind nicht präsent. Sie leben nicht in der Gegenwart, sondern sind in ihrem Herzen anderswo. Wenn ich gegenwärtig bin, bei mir selbst, dann bin ich präsent. Oder wenn ich meine konkrete persönliche Verantwortung wahrnehme, dann bin ich präsent. Präsent bin ich, wenn ich in der Gegenwart Gottes lebe.

„Du brauchst Gott nicht der Wirklichkeit hinzufügen. Sonst glaubst du nicht wirklich an Gott! O Gott, wenn du überall bist, wie kommt es dann, dass ich so oft anderswo bin?“, schreibt Madeleine Debrel. An einer anderen Stelle sagt diese große Mystikerin des Alltags, dass es Gottesbegegnung nicht nur in der Stille, in der Zurückgezogenheit in heiligen Räumen gibt: „Es gibt Orte, in denen der Geist weht, aber es gibt einen Geist, der allerorten weht. Es gibt Leute, die Gott nimmt und beiseite stellt. Aber andere gibt es, die lässt er in der Masse; die zieht er nicht aus der Welt zurück. Es sind Leute des gewöhnlichen Lebens, Leute, die man in einer beliebigen Straße antrifft. (...) Wir anderen, wir Leute von der Straße, glauben aus aller Kraft, dass diese Straße, dass diese Welt, auf die Gott uns gesetzt hat, für uns der Ort der Heiligkeit ist“.

Pius Schmidt, Kirchenzeitung Nr. 49 vom 3. Dezember 2017

Pius Schmidt. Foto: privat

Pius Schmidt wurde 1943 in Morsbach geboren. Nach einem Studium der Theologie und der Psychologie an der Uni Würzburg weihte Bischof Alois Brems ihn 1975 zum Priester. Nach Kaplansstellen in Allersberg, Pleinfeld und Nürnberg/Heiligste Dreifaltigkeit wirkte er ab 1979 als Subregens des Bischöflichen Seminars in Eichstätt. 1986 wurde er Spiritual der Niederbronner Schwestern im Kloster St. Josef in Neumarkt, 1995 zum Domvikar ernannt und Direktor des Diözesanexerzitienhauses Schloss Hirschberg. Nach einer Zeit als Pfarrer der Pfarrei Böhmfeld und als Seelsorger im Klinikum Ingolstadt wurde Schmidt 2009 Spiritual im Priesterseminar Eichstätt.

Lesungen zum 1. Adventssonntag

Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 51 vom 17.12.2017

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